Frank Haas im Gespräch mit dem Philosophen Hannes Böhringer

Das Glück kommt eher nebenher

Ein Gespräch mit dem Philosophen Hannes Böhringer über das gute Leben, künstliche Intelligenz und die Kunst der richtigen Mitte.
Fragen von Frank Haas.

Herr Böhringer, auf dem Weg zu Ihnen habe ich ChatGPT befragt, was man unbedingt über Sie wissen sollte – das Ergebnis war mittelmäßig. Meine Tochter dagegen benutzt ChatGPT oft als mentalen Coach und ich habe den Eindruck, dass die Maschine da einen ganz guten Job macht. Was kann KI aus Ihrer Sicht zu einem guten Leben beitragen?
Ich habe das Gefühl, und mehr als ein Gefühl ist es nicht, dass die künstliche Intelligenz zu einem guten Leben nichts Wesentliches beitragen kann. Sie kann natürlich Hinweise geben und so weiter. Aber diese Schmeichelei, mit der man es bei Chats mit Maschinen zu tun hat, die stört mich zum Beispiel sehr.

Aber es kann einem auch guttun. Und meinen Sie nicht, dass die KI gerade auch Menschen,
die damit aufwachsen, unglaublich nützt?

Das mag sein, für mich stellt sich aber die Frage, ob ich das wirklich noch mitmachen muss. Vermutlich kann ich es mir auf Dauer nicht ersparen. Aber ich weiß noch nicht, wie ich da rangehe. Zurzeit habe ich den Eindruck, dass ich das alles nicht brauche. Allerdings ist das schon eine sehr wichtige Frage: Soll man nur das machen, was man braucht? Ist das nicht ein bisschen zu wenig? Die Neugierde geht ja immer darüber hinaus und man macht dann überraschende Entdeckungen. Was KI angeht, bin ich aber auch einfach sehr altmodisch.

Sind die Schmeicheleien einer KI vielleicht sogar gefährlich?
Nun, man muss den Kontakt mit der Realität behalten. Das ist das Problem bei vielen Herrschern: dass die so herrschen können, wie sie wollen, und dass die nur noch Leute anhören, von denen sie nicht sicher sein können, dass sie ihnen die Wahrheit erzählen. Das ist doch übel! Man braucht Leute, zum Beispiel eine Ehefrau, die ehrlich sind und einen auch mal in den Senkel stellen.

Wenn Sie auf zweieinhalbtausend Jahre Geistesgeschichte blicken – würden Sie sagen, dass sich die Vorstellung davon, was ein gutes Leben ausmacht, über die Zeit verändert hat? Oder hat es immer schon die einen gegeben, die ein bisschen mehr auf den Genuss achten, und die anderen, die mehr Wert auf die Seelenruhe legen?
Wenn man heute von einem „guten Leben“ spricht, möchte ich mich eigentlich fast abwenden. Das klingt nach Wohlstandsgesellschaft oder nach einem Thema für Geschiedene, die viel Geld ausgeben, um in einem spirituellen Retreat Achtsamkeit zu lernen. In der antiken Philosophie hatte man noch die Hoffnung, dass die kleinen Stadtstaaten funktionieren und für ein gutes Leben sorgen würden. Aristoteles war zum Beispiel der Meinung, dass man ein gutes Leben nicht auf dem Land führen kann, wo man wilder als die Tiere lebt, sondern nur in der Stadt. Weil es da Arbeitsteilung gibt und man die Möglichkeit hat auszusuchen, was einem liegt – ob man zum Beispiel lieber Schmied oder lieber Zimmermann werden will. Dass man also die Möglichkeit hat, genau das, was in einem angelegt ist, auch zur Verwirklichung zu bringen. Und das ist dann das gute Leben. Es ist eng verbunden mit Selbstverwirklichung und Mitbestimmung im politischen Sinne.

Selbstverwirklichung und Mitbestimmung – dieser Vorstellung von einem guten Leben kann man doch grundsätzlich immer noch zustimmen, oder?
Sicherlich, Stadtluft macht frei, es gibt aber noch andere Vorstellungen. In der spätrömischen Zeit haben die Stoiker zum Beispiel auf die Frage, was ein glückliches Leben sei, geantwortet: das Unglück zu ertragen. Damit ist gemeint, dass der Philosoph zwar weiß, dass er das Schicksal nicht in der Hand hat. Dass er die innere Haltung dazu aber sehr wohl in der Hand hat und dass ihn das unerschütterlich macht.

Nun gab es aber auch antike Philosophen, die der Meinung waren, dass man niemanden zum guten Leben erziehen muss, weil man alles dafür schon in sich hat.
Ja, das glaube ich auch. Das geht in Richtung Lebenskunst, die eigentlich die antike Medizin imitiert. Man sagte damals, dass man dort wohnen sollte, wo die Winde gut sind, dass man auf Schlafen und Wachen und auch auf die Leidenschaften achten soll und so weiter. Und das ist heute noch genauso: Man läuft jedem medizinischen Trend hinterher und lässt sich von den Ärzten schikanieren. Was man darüber aber total vernachlässigt, ist der eigene vernünftige Sinn, die eigene Urteilskraft. Wir können uns an Leute wenden, wenn wir konkret Hilfe brauchen, aber doch nicht grundsätzlich! Ich meine, dass die Philosophie kaum etwas anderes sagt als das, was der gesunde Menschenverstand einem auch sagen könnte, was man also in sich hat.

Wenn die Fähigkeit zum guten Leben schon angelegt ist im Menschen, wieso lässt er sich trotzdem immer wieder auf Abwege bringen? Auf Instagram zum Beispiel werden einem viele Wege zum Glück vorgeschlagen, die alle nichts mit Philosophie zu tun haben. Da gibt es jemanden, der sagt, wenn du dich basisch ernährst und vielleicht vegan noch dazu, dann kommen deine Hormone in Schwung und das Aufstehen fällt dir viel leichter. Ein anderer behauptet das Gegenteil. Dazu kommen etliche Heilsversprechen der Konsumgüterindustrie. Warum funktioniert das so gut?
Die Menschen lassen sich ihre Autonomie sehr schnell abkaufen und leben dann lieber in Knechtschaft, als selbstständige Wesen zu sein. Kant nennt das Faulheit – dass man also den kritischen Verstand an andere delegiert. Dabei gibt es nun mal die eigene Urteilskraft und die Kunst der Unterscheidung. Daher kommt übrigens auch das deutsche Wort „Bescheidenheit“, das auf die Fähigkeit verweist, die richtigen Unterscheidungen zu treffen und zurückhaltend zu sein. Deswegen glaube ich, dass ein gutes Leben viel mit Bescheidenheit zu tun hat. Und damit, die richtige Mitte zu finden. Wir können nicht direkt auf das Glück zuschießen, sondern es kommt eher nebenher, es kommt quasi hinterrücks.

Ja, aber das Glück kommt doch auch, wenn ich gegen Widerstände ankämpfe und mich in Tugenden übe. Nehmen wir die Tapferkeit: Ich werde tapfer, wenn ich gegen die Angst ankämpfe. Oder die Großzügigkeit, auch die kann man erlernen.
Richtig, und nach Aristoteles ist es dabei ein großer Unterschied, ob ich mein Geld geerbt oder ob ich es selber erworben habe. Die Großzügigkeit von einem, der nicht weiß, wie schwer es ist, Geld zu erwerben, muss man unterscheiden von der Großzügigkeit eines Menschen, der sein Geld hart verdient hat.

Was ja nachvollziehbar ist.
Stimmt, aber für diese Erkenntnis brauche ich nicht unbedingt Aristoteles. Ich freue mich aber, dass Aristoteles etwas sagt, was meiner eigenen Lebenserfahrung entspricht.

Hannes Böhringer ist ein deutscher Philosoph, der sich nicht nur in den Höhen moderner und zeitgenössischer Kunst und Architektur bewegt, sondern auch im Alltäglichen die großen Fragen entdeckt. Mit wachem Blick verfolgt er, wie Worte, Handlungen und Dinge unser Leben formen.

Lassen Sie uns kurz bei den Tugenden bleiben. Aristoteles sagt nicht nur, dass die Tugenden der Weg zum Glücksempfinden sind, sondern auch das Vorhandensein von Glücksgütern, von materiellen Dingen. Wie schätzen Sie die Bedeutung von Wohlstand ein?
Wohlstand ist schon wichtig, das ist ganz klar. Aber wo ist die Grenze? Ab wann ist es zu viel? Der Philosoph braucht nicht viel. Der reist mit leichtem Gepäck und im Schiffbruch verliert er nichts. Aber auch mit Reichtum kann man glücklich sein, gar keine Frage. Wenn ich reich wäre, so richtig reich, dann würde ich gern wohltätig sein. Diese Wohltätigkeit der reichen Leute bewundere ich an den Amerikanern. Dass man Geld verdient und damit dann selbst gestaltet.

Indem man ein Kunstmuseum baut?
Ja, zum Beispiel. Diese Wohltätigkeit gibt es ja heute noch. Die feinen Leute reden darüber wahrscheinlich nicht und das ist auch gut so. Aber das ist schon auch eine Tugend.

Sie aber wollten sich nie mit Besitz belasten, haben Sie mir im Vorgespräch gesagt. Und das kann ich gut verstehen.
Mich interessiert die Einfachheit. Meine Eltern waren erst ziemlich begütert und gingen dann bankrott. Ich mit meiner Kinderlähmung dachte immer, dass ich meine Tüchtigkeit beweisen muss, und hatte das riesige Glück, Hochschullehrer werden zu können. Das war für mich die Erfüllung: Ich habe meine Arbeit als Lehrer gemacht und hatte trotzdem noch genug Zeit, um zu schreiben. Für mich war das ein einfaches Leben und tatsächlich würde mich Besitz belasten. Vielleicht aus Angst, dass ich wie meine Eltern damit Mist machen würde. Deshalb habe ich das, was ich dann eines Tages doch noch geerbt habe, direkt an meinen Sohn weitergegeben. Die Einfachheit ist, wenn man so will, auch eine Form von Leidenschaft. Früher dachte ich, das Leben müsse kompliziert sein, man müsse sich möglichst kompliziert ausdrücken und so weiter. In der bildenden Kunst und in der Musik haben mich aber schon immer die Formen viel mehr interessiert, die einfach sind. Und von denen wollte ich lernen.

Ein anderer Aspekt des guten Lebens ist sicherlich das Thema Freundschaft.
Ja, das hat schon im Altertum eine Riesenrolle gespielt, die Philosophenschulen waren eigentlich Freundschaftskreise. Heute steht das Individuum noch viel stärker als früher einer Riesengesellschaft mit sozialen Medien und so weiter gegenüber. Dafür braucht es Vermittlung. Und was ist da das Vermittelnde? Hegel sagt, es sind die Vereine. Ich selbst bin überhaupt kein Vereinsmensch, aber Vereine sind ebenso wie Freundschaften oder wie die eigene Ehefrau eine vermittelnde Instanz, die einem Anregungen geben und die einen verstehen und relativieren kann. Für ein gutes Leben ist das ganz wichtig.

Sie meinen Menschen, die einen gut kennen und nicht bei jeder schrägen oder falschen Formulierung gleich an die Decke gehen? Speziell Vereine sind ja leider nicht mehr so sehr in Mode.
Nein, aber ihre Wirkung haben sie trotzdem noch. Ich habe zusammen mit meiner Frau ein kleines Haus auf dem Land, eine Stunde von Berlin entfernt in einem Dorf. Dorthin ziehen immer mehr Berliner, die dann immer noch in der Stadt arbeiten. Die versuchen natürlich, sich zu integrieren. Und wie machen sie das? Sie machen in den Vereinen mit und fühlen sich wohl, die Kinder gehen dort in die Kita und die Nachbarschaft wird gepflegt. Die Leute spüren, dass es gut ist, wenn man sich kennenlernt, die brauchen dafür gar nicht Hegel lesen, die wissen das auch so. Solche Beziehungen sind Kapillargefäße eines guten Lebens.

Sie haben auch einmal über das Thema Bewunderung geschrieben. Zwischen dem Idol und seinen Bewunderern gab es immer eine Grenze. Ich habe aber den Eindruck, dass viele Menschen gar nicht mehr bewundern, sondern entzaubern wollen. Wenn ich sage, dass ich jemanden bewundere, dann ernte ich jedenfalls oft Unverständnis.
Die Frage dabei ist: Woran richten wir uns auf? Es bringt ja nichts, alles Große zu sich herunterzuziehen. Das wäre dann die Kammerdienerperspektive, aus der man den Helden auch mit dreckiger Unterhose sieht. Wollen wir das wirklich? Das Schöne bei der Bewunderung ist, dass ich dadurch am anderen teilnehmen kann, dass mich der andere hochhebt und mein Leben verbessert.

Wenn ich Bewunderung ablehne, muss ich alle Menschen vom Sockel stürzen und kann mich nicht mehr aufrichten und mich nicht mehr entwickeln. Trotzdem findet das heutzutage oft statt: Man wartet, bis man jemanden endlich zu Fall bringen kann, um dann zu sagen, ach, der ist auch nicht besser als ich.
Und was hat man davon?

Ja, was hat man davon? Man entehrt den Menschen. Und durch die Transparenz, die es durch die sozialen Medien heute gibt, ist das fast unerträglich geworden.
Vielleicht ist es die Verbitterung, die atmosphärisch alles so herunterzieht. Dabei kann Bewunderung sehr nützlich sein! Denken Sie an die Kanonbildung der Literatur. Es ist egal, ob da nun Vergil oder Goethe drin ist, darüber kann man sich ruhig die Köpfe heißreden. Es geht darum, ein Angebot zu haben mit Leuten, von denen man lernen kann. Dass die etwas exemplarisch formuliert und zur Sprache gebracht haben. Jeder hat doch für sich irgendeine Hitparade mit Leuten, von denen er etwas hat – wunderbare Sätze, Strophen oder einzelne Zeilen von irgendwelchen Songs, die einen trösten oder aufrichten.

Sie haben nicht nur über Bewunderung geschrieben, sondern auch über Spott. Sie sagen, dass man das, was über einem ist, bewundern oder verspotten kann. Verhilft uns der Spott vielleicht auch zu einem besseren Leben? Ich denke daran, dass man gern spottet, wenn man sich ohnmächtig fühlt, zum Beispiel gegenüber einer Regierung.
Der Spott ist eine Form, sich von der Größe zu befreien. Und er enthält die Fähigkeit, sich vom Zwang und von der Macht der Nachahmung zu lösen. Wir sind ja, sagt René Girard, eine riesige Nachahmungsmaschine. Wir glauben zum Beispiel, wir hätten unsere Eltern durchschaut und würden alles besser machen. Und irgendwann erkennen wir dann, dass wir den Blödsinn der Eltern eben doch weitergeführt haben. Die Frage, wie wir Nachahmung brechen, ist also ein Riesenproblem. Und eine Lösung dafür könnte die Umkehrung sein, die Ironie und der Spott. Sicherlich verspottet man gern genau das, was man eigentlich bewundert. Weil es einem schwerfällt zu sagen: Ich bin neidisch, dass diese Person so agieren kann, wie sie agiert, denn ich kann das leider nicht.

Von der Bewunderung ist es nur ein kurzer Schritt zur Liebe. Welche Rolle spielt die Liebe in einem guten Leben? Haben Sie dazu auch schon etwas geschrieben?
Ja, natürlich. Darüber zu schreiben, ist aber schwierig, weil man den richtigen Ton finden muss, damit es nicht kitschig wird. Dabei ist die Liebe ein ganz wichtiger Impetus in jedem Menschen, der die Selbstgenügsamkeit infrage stellt. Denn wenn man jemanden liebt, begibt man sich in dessen Hand und verliert diese Autonomie, die der Philosoph immer haben will. Wenn man wiedergeliebt wird, bekommt man sie aber als Geschenk zurück. Deswegen braucht die Liebe so etwas wie Treue, um im Gleichgewicht zu bleiben. Ist das verständlich? Zum glücklichen Leben gehören nicht nur Autonomie und Selbstverwirklichung, sondern auch das Gegenteil, die Einschränkung. Wenn ich mich in einen Menschen verliebe, dann gehe ich eine Verbindlichkeit ein, die meine Autonomie relativiert. Und dass wir uns nicht selbst genug sind – das ist doch eigentlich sehr schön.

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